Der Ökumenische Pilgerweg


Von Beginn an war das Werden der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela eine Mischung aus Inszenierung und Volksbegehren. Inwieweit der Ort schon in vorchristlicher Zeit religiöse Bedeutung hatte, bleibt umstritten. Ausgrabungen und spätere Erzählungen weisen auf einen heidnischen Tempel (wahrscheinlich einen Jupitertempel) hin. Auch der Weg nach Santiago wurde unter anderem als keltischer Initiationsweg betrachtet, wozu jedoch kein gesichertes Material vorhanden ist. Was hier als konkrete Orts- und Landesgeschichte Spaniens beschrieben wird, bildete sich vergrößert in der Universalgeschichte ab.

Im 8. Jh. kann man das gesamte Abendland noch nicht als homogen christianisiert einschätzen. Noch machte es den Eindruck, "...dass es unter einem dünnen christlichen Firnis lebte, der Heidentum und magisches Denken nur notdürftig überdeckt haben dürfte." (Plötz in: v. Saucken, 1996, S. 20) Die Mythenkraft der Vergangenheit wurde im einfachen Volk bewahrt, welches nach kombartiblen Möglichkeiten suchte, sie weiterzutragen. Der Kult um Apostel und Heilige wurde willig aufgenommen, denn er bot sich als Medium an, mit dem unnahbaren Göttlichen in Kontakt zu treten. "Hinter diesem Glauben standen Erfahrungen, wie man sie im weltlichen Bereich machte. Wer ein Anliegen hatte, traute sich nicht direkt unter die Augen des Herrschers, suchte vielmehr nach einem Fürsprecher." (Ohler, 2000, S.63)

Die Macht und Größe Gottes war für die Menschen jener Zeit eine existentielle Komponente. Denn nicht nur der Wegfall bisheriger Gefüge, sondern auch die Bedrohung durch Fremdvölker brachten ein starkes Bedürfnis nach Halt und Orientierung mit sich.

Entsprechend äußerte sich die Landesgeschichte Spaniens. Das Land war von Hunger und Pest so geschwächt, dass 711 n. Chr. maurische Armeen eindringen und es innerhalb weniger Jahre erobern konnten. Nur Asturien erwehrte sich einer Besetzung und wurde damit zum geistigen Zentrum des rest-christlichen Spanien. Ihm fiel damit die Aufgabe der ideelen Stärkung und Formierung zu, wozu sich in genialer Weise der einzige Apostel eignete, der die iberische Halbinsel betreten haben soll: Jakobus der Ältere. Mit erbaulicher Wirkung berichtete zuerst der Mönch Beatus von Liebana 776 über die Bekehrung Spaniens durch die Predigten des Apostels und bezeichnete ihn zugleich als Patron des Landes. Damit legte er den Grund für einen neuen Identifikationsprozess und schuf Antrieb für die nachfolgende Reconquista. Dieser Zeitgeist brachte "... ein spirituelles und psychologisches Klima zustande, dessen Materialisierung die Wiederentdeckung des Apostelgrabes zur Folge hatte." (Plötz, in v. Saucken, 1996, S. 26)
Um diese Wiederentdeckung ranken sich nun verschieden ausgeschmückte Legenden. Eine davon benennt den Bischof von Ira Flavia, Theodomirus (800-843) als den Entdecker. Eine andere Variante greift auf den Sagenkreis um den fränkischen König Karl den Großen (768-814) zurück. Dass der asturische König Alfons II. sich mit ihm verbündete, gab Anlass für folgende Jakobuslegende. Die Gestalt des Frankenkaisers diente dabei als Wiedereroberer und Kultgründer zugleich.
Ihm soll im Traum der Hl. Jakobus erschienen sein und ihn gebeten haben, sein Grab aus den Händen der Mauren zu befreien: "Du hast am Himmel die Sternenstraße gesehen, und das bedeutet, dass du an der Spitze eines mächtigen Heeres nach Galicien ziehen wirst und gleich dir alle Völker dorthin pilgern werden, bis zum Ende aller Zeiten." ( Benesch zit.n. Codex Calixtuli, 2000, S.126)

In den Schlachten stand der Apostel dem frommen Kaiser natürlich zur Seite und half ihm so zum Sieg. Darin begründet sich auch die Darstellung des Heiligen Jakobus als "Santiago Matamoros", dem "Maurentöter" auf Ross und mit Schwert. Alfons II. beteiligte sich in Folge dessen aktiv an der Organisation des Jakobuskultes. Er gründete die Jakobuskirche, gewährte ihr drei Meilen im Umkreis als "Heiligen Bezirk" und bekundete damit die offizielle Anerkennung des Apostel als Schutzherren über Monarchie und Königreich.
Mögen die politischen Schachzüge in der nachträglichen Geschichtsbetrachtung auch sehr berechnend scheinen, so wären sie doch nicht möglich gewesen, wenn nicht von breiten Bevölkerungsschichten getragen. Die Legenden und Geschichten wurden mündlich tradiert und schließlich in der "Legenda aurea" und dem "Liber Sancti Jacobi" festgeschrieben. Derlei Schriften hatten eine weitreichende Wirkung auf das Volk, welches sie ergiebig hörte und sich davon in Bewegung setzen ließ. Bald schon sollte der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela eine überregionale Bedeutung zukommen, worauf noch näher einzugehen ist.
Zu einer solchen Form kollektiven Einvernehmens leistete selbstverständlich die Kirche ihren entscheidenden Beitrag. "Von seinen ersten Anfängen an hat Compostela bekundet, dass es seine Bestimmung darin sieht, sich in das Zentrum einer großen Pilgerbewegung zu verwandeln." (Alsina in: v. Saucken, 1999, S. 315)
Während Jerusalem wegen seiner biblischen Tradition aufgesucht wurde und Rom durch seine dominante päpstliche Präsenz nicht ausschließlich als Pilgerzentrum fungierte, so entsprach Santiago de Compostela den Erwartungen an eine Stätte, die Glauben stiften und stärken sollte. Das äußerte sich in verschiedenen Kriterien: Zuerst einmal kam die Bewegung zu einer Heiligen Stätte einer religiösen Lebensform gleich: das Leben ist eine Pilgerfahrt ("vita est peregrinatio" ). Diese Motivation wies über lokalisierte Pilgerziele hinaus und wurde in der Form bis ins Hochmittelalter wachgehalten.
Als zweiter Grund für die Bedeutung einer Pilgerstätte galt die Wunderkraft der Reliquie, sowohl die direkte, als auch die indirekte. Direkt wirkte das Heiligtum, indem der körperlich oder seelisch Leidende durch die Berührung der Reliquie geheilt wurde. Indirekt wurde dem Gläubigen geholfen, wenn er in Not, Katastrophen, Gefahr seinen Heiligen anrief und erhört wurde. Sodann gelobte der Gerettete, zum Dank an die Grabstätte des Heiligen zu pilgern und von seinen Wundern zu erzählen ("peregrinatio pro voto"). In dieser Weise haben sich ganze Mirakelbücher an den jeweiligen Pilgerorten gefüllt.
Ein drittes Motiv war die Sühnkraft einer Pilgerfahrt, welche mehr und mehr von der Kirche propagiert wurde ("peregrinatio e poenitentia"). Mit der Einführung des Heiligen Jahres konnten unglaubliche Menschenmassen mobilisiert werden, um am Heiligen Ort den vollen Erlass ihrer Sünden zu erlangen. Papst Calixt II. sprach Santiago de Compostela das Privileg des Heiligen Jahres zu, welches immer dann gefeiert werden solle, wenn das Fest des Apostels (25. Juli) auf einen Sonntag fällt. Im Jahre 1126 fand das erste Heilige Jahr dort statt. In dieser Zeit hatte die Pilgerfahrt nach Santiago bereits europäische Ausmaße angenommen. Aus allen Regionen, Schichten, gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher Bildung pilgerten Menschen zum Grab des Apostels. Die Sühnewallfahrt wurde bald schon in das weltliche Recht integriert, was zu einem massenhaften Gebrauch der Pilgerfahrt als Strafauflage führte.
Neben Gläubigen gingen also in gleicher Weise Verurteilte. Dazu kamen die berufsmäßigen Pilger, welche stellvertretend für bereits Verstorbene das Seelenheil zu erlangen suchten. Später gesellten sich dem noch adlige "Vergnügungspilger" hinzu, die eher auf Ruhm und Abenteuer aus waren.

Mit einem derartigen Zustrom baute der Ort stetig seine Vorrangstellung in der Sakralgeographie des okzidentalen Mittelalters aus. Die Pilgerfahrt nach Santiago zählte zu den "peregrinationes majores" und "… für Dante in Florenz waren im Jahre 1293 die eigentlichen peregrini diejenigen, die ihre Heimat verließen, um St. Jakobus am Ende der alten Welt zu besuchen." (Plötz in: v. Saucken 1996, S.22)
Im Gesamtzusammenhang stellte das Pilgern eines der faszinierendsten Phänomene mittelalterlicher Religiosität dar. Der Pilger suchte darin eine greifbare Heilsversicherung, wurde dabei von Staat und Kirche in voller Geltung wertgeachtet und ließ damit seinem Sein einen Sinn angedeihen.

 

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