Der Ökumenische Pilgerweg
Seit den 80iger Jahren ist ein immenser Aufschwung der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela zu verzeichnen. Seinen Höhepunkt sah man in der Feier des Heiligen Jahres 1999, zu welchem sich knapp 10 Millionen Pilger aufmachten, darunter 128000 zu Fuß, 24000 mit dem Fahrrad und 1400 zu Pferd (Sternenweg 25, 2000, S. 28). Durch das daraufhin ausgelöste Medieninteresse erfuhr der Weg einen noch breiteren Zuspruch, so dass bereits im Mai des folgenden Jahres mehr Pilger zu zählen waren als im Mai 1999.
Zu den Pilgern gehören zwei Drittel Männer und etwa ein Drittel Frauen, ähnlich wie schon im Mittelalter. Fast drei Viertel der Pilger studieren oder üben akademische Berufe aus. In der Altersstruktur hat sich im Jahr 2001 ein Wandel vollzogen. Während bis 2001 eine verstärkte Frequentierung durch junge Pilger im Alter bis 30 Jahre zu verzeichnen gewesen war, nutzten seitdem verstärkt Pilger im Alter von 30 bis 60 Jahren den Weg.
(Sternenweg 28, 2001, S.26)

Die allgemeine Tendenz heutigen Pilgerns trägt eigene Erscheinungsformen, die längst nicht mehr einheitlich darzustellen sind, geschweige denn einen konformen Pilgertypus herausbilden würden.
Deswegen ist es notwendig, die Erlebnisrealität der Pilger selbst in ihrer Vielschichtigkeit wissenschaftlich aufzuarbeiten.
Vergleichend führe ich jeweils zu Beginn einen Aspekt zum Mittelalter an.

Definition
Wenn im Mittelalter die Pilgerfahrt als Ausdruck des Glaubens galt, so war dieser eine nötige Voraussetzung, also bereits im "Besitz" des Pilgers.
Der heutige Pilger versteht sich vor allem als ein Suchender: "Pilger ist der, welcher geht, und der, welcher sucht." (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.108)
Wohin oder wonach sich die Suche richtet, wird mitunter erst während des Gehens aus dem Unterbewusstsein hervorgehoben.
Die gültige Definition von Pilgerfahrt bezeichnet sie immer als ein religiöses Phänomen. Sie ist stets auf das Göttliche, Transzendente, Über-den-Menschen-Hinausweisende ausgerichtet. So kann sie in Religionen zu umfassenden Konzepten finden, wie am Beispiel des Mittelalters bereits aufgezeigt wurde.
Heute gibt es keinen allgemein gültigen Deutungsrahmen, um gemachte Erlebnisse einzuordnen. Die Deutung variiert stark zwischen den einzelnen Pilgern.
Bei manchem Pilger ist die katholische Tradition noch unbewusst internalisiert, oder deutlich präsent, so dass er Erlebnisse nur dann religiös deutet, wenn sie dieser Tradition entsprechen. Erlebnisse, bei denen eine Mischform zwischen profan und heilig vorliegt (z.B. ein Pilger bekommt von einem Einheimischen Käse und ein Glas Wasser gereicht), werden nicht in den sakralen Erlebnisreigen der Pilgerfahrt dieses Pilgers aufgenommen.
Einem anderen Pilger fehlt die kirchliche Anbindung, so dass es für ihn einen viel größeren Schritt bedeutet, den religiösen Gehalt mancher Erlebnisse als solchen zu erkennen.
Die Erfahrung des Göttlichen kann dann, wenn überhaupt, nicht mit theologischem Vokabular, sondern mit ganz einfachen Worten ausgedrückt werden:

"wie eine Energie von oben und von unten" (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.208); "du gelangst zu einer Verschmelzung mit dem Ganzen" (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.208); "Ich hab´ da so `ne Gegenwart von irgendwas gespürt. Ich hab mich da überhaupt nicht alleine gefühlt, obwohl ich da schon mutterseelenallein war."
(Haab zit.n.Unbek., 1998, S.207)

Die Pilger finden durch ihre persönlichen Handlungen, Erlebnisse und Interpretationen zu einer eigenen Art der Religiosität. Diese steht natürlich in Spannung mit der katholischen Tradition, zumal im konservativen Spanien. Die offizielle Kirche sieht sich seit einigen Jahren mit einer eigenwilligen Füllung ihrer bis dahin selbst strukturierten Einrichtung konfrontiert. "Will die Kirche diesen Pilgerweg als einen traditionellen Pilgerweg nicht verlieren, so muss sie den Bedürfnissen der PilgerInnen teilweise entgegen kommen." (Haab, 1998, S.30)
Das geschieht, indem die Suche und die Erfahrungen der Pilger mittlerweile als wichtige Motive anerkannt werden. So ist im Hirtenbrief des Erzbischofs Julian Barrio Barrio zum Hl. Jahr 1999 eine neue Auffassung im Verständnis der Kirche wahrzunehmen:
"In gleicher Weise wandeln sich (auf dem Pilgerweg) die eigene Gesinnung, die Erfahrung der Natur und die Beziehungen der Menschen für die Begegnung mit Gott. (...) Jetzt geht nämlich die Erkenntnis an der Hand der Liebe, mit der Gott uns geliebt hat, und die wir einüben im Bewusstsein unserer Schwächen - der eigenen und der fremden." (Schneller zit.n. Barrio Barrio, 2000, S.26) Der Weg bekommt damit eine Weckfunktion zum christlichen Glauben zuerkannt.

Motivation
Wenn im Mittelalter das Pilgerwesen für die kirchliche Autorität leichter zu handhaben war, so lag das vor allem an der Zielorientierung des Weges. Diese ließ sich besser propagieren und strukturieren, als eine Wegorientierung, welcher heute mehr Bedeutung zukommt.
Der Pilger der Gegenwart sieht sich nicht durch eine Gnaden- und Heilsverheißung motiviert, die ihn am Ziel erwartet (jedenfalls nicht unter dieser Bezeichnung). Vielmehr spürt er eine unbestimmte All-Sehnsucht, der er in seiner Bewegung Gestalt gibt.
Dabei vollzieht er einen vielfach stärkeren "Weltenwechsel" als der mittelalterliche Mensch. Aus rasanten Zeitabläufen, verstellten Bewegungsräumen, Übersättigung an Materiellem besinnt sich der moderne Pilger auf einen radikalen Gegenentwurf. Indem er sich mit dem, was er tragen kann zu Fuß auf den Weg macht, hebt er seine bisherige Alltagsnorm auf. Im Gegensatz zu einengenden Terminplänen, erlebt der Pilger dabei ein befreiendes Schreiten von Gegenwart zu Gegenwart: "Für mich war das Wichtigste das: nicht an Zielen ankommen zu müssen, sondern fähig zu sein, in jedem Moment zu sein ... Minute für Minute zu leben ... dann tauchen die Dinge auf, ohne dass du sie dir vornimmst." (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.135) Oft unternehmen Menschen in einer schwierigen Lebensphase die Pilgerfahrt, um durch sie Kraft zur Krisenbewältigung zu schöpfen. Auch private oder berufliche Schnittstellen sind Auslöser, wie Tiefeninterviews eines Studienprojektes in der Schweiz erweisen: "So könnte die Pilgerreise als ein mögliches Übergangsritual gewählt werden, mit dessen Hilfe die Pilgernden diese Phase ihres Lebens bewusst gestalten und so neuen Halt finden können." (Cartwright in: "Das Pilgern neu entdecken", 2000, S.12)
Des Lebens mächtig zu werden, braucht ein Bewusstsein für die eigene Stärke. Erreicht ein Mensch aus seiner Kraft heraus ein Ziel, erwächst ihm Mut und Selbstvertrauen. Dabei treten alte Ängste und gegenwärtige Widerstände zu Tage, die überwunden werden wollen. Das Gehen konfrontiert den Menschen in derart unerwarteter Intensität mit sich selbst, dass sich Lebensthemen auf einen Schlag verdichten. Die Metapher des Lebensweges tritt unvermittelt aus anthropologischer Tiefe empor:
"Es ist wie ein reduziertes oder konzentriertes Leben." (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.129)
Die Selbsterfahrung, welche übrigens als Hauptmotiv angegeben wird, eröffnet sich vor allem durch eine psychophysiologische Wechselwirkung. In der Körperlichkeit liegt nicht nur Ausdruck, sondern vor allem Ursache für Selbsterkenntnisse: "Ich bin gekocht und wieder gekocht worden, der Körper ist geschmolzen, das Herz wurde geleert, und dann, unmerklich, wieder gefüllt ... mit Geduld und Demut." (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.38) Inwieweit Körpererfahrung und Gotteserfahrung sich kongruent zueinander verhalten, soll in folgenden Kapiteln ansatzweise erfasst werden. Zu den psychophysiologischen Phänomenen gehören ebenso positive Effekte, wie z.B. die Öffnung der Sinne und die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Im natürlichen Rhythmus des Gehens entdeckt sich das ursprüngliche Gefühl für Entfernungen, für die eigene Kraft und Ausdauer und für die natürliche Anbindung an alles Umgebende.
"Lange Strecken zu gehen ... das ist wie das Leben verlangsamen, wie es vereinfachen, reinigen und leeren u.s.w., und genau dann geöffnet werden für was dich umgibt, und dadurch verändert zu werden." (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.149)

Das Einfache übt in einer "Auto-, Beton- und Kommunikationsgesellschaft" (Kühn zit.n. Guggenberg, 1990, S.19) verstärkten Reiz aus. So wird die materielle Reduktion, die eine Pilgerreise mit sich bringt, fast durchgehend als Bereicherung empfunden. Es verändern sich Verhaltensmuster, welche auf Sicherheit basieren und nun ihre Dominanz verlieren. Unvermutet scheinen mittelalterliche Motive auf, die den Pilger in seiner Besitzlosigkeit und Demut ehren. Viele der mittelalterlichen Tendenzen sind jedoch auch gewollt und gesucht. Dabei "... werden die bereisten Wege zu einer Bühne, auf der der Reisende sein Mittelalter inszeniert und sich selber dabei die Rolle des Pilgers zugewiesen hat."
(Haab zit.n. Kühn, 1998, S.50)
Klöster, romanische Kirchen, Wälder und Templerburgen lassen den Pilger mitunter stundenlang in einer Fiktion laufen, welche sich so in Tagebüchern niederschlagen kann: "Anfangs war der Tag in Nebelschleier gehüllt. Ein Dorf hatte einen Fluss mit einer steinernen Brücke darüber. Sie wurde überquert von Prinzen auf weißen Rössern. Gegen Mittag gelangte ich in eine Stadt, in der ein Markt aufgebaut wurde, der sich durch alle Straßen zog."
Solcher Art Verklärung sollte nicht nur als Vergangenheitsschwärmerei aufgefasst werden, welche der Seele gut tut. In ihr liegt ebenso das Bedürfnis nach einer umfassenden Identität, welche sich in der Historie verankert: "Der Sternenweg der germanischen Mythologie, der Sternenweg, der Karl den Großen in der Sage den Weg zum Apostelgrab wies, der mittelalterliche Heilsweg, der vom Baltikum bis zum Cabo Finisterre, dem Ende Europas, führte, könnte uns helfen, unsere Identität zu finden und zu verteidigen, unser europäisches Bewusstsein, unsere abendländische Erbschaft zu begreifen und uns vor dem Verlust unserer Kultur gegenüber einer Verschnittkultur internationaler Prägung bewahren."
(Plötz in: v. Saucken, 1996, S.37)
Wenngleich so große Gedanken nicht stets präsent sind, vollziehen sie sich doch praktisch in den Begegnungen mit Landschaft, Mensch und Kirche.
Eine erstaunliche Entdeckung ist für die meisten Pilger der gelebte Europagedanke, der keinen unberührt lässt. Eine deutsche Studienrätin, schrieb mir über ihren Aufenthalt als Herbergsmutter in Leon: "Das Pfingstwunder, dass Menschen , die verschiedene Sprachen sprechen, einander verstehen, ereignet sich täglich: Herzliche Umarmungen, wenn man bei der Ankunft in der Herberge Freunde, mit denen man ein Stück Wegs gegangen war, wieder sieht. Eine Münchnerin verarztet einer Neuseeländerin die wunden Füße, ein früh angekommener Deutscher tritt sein Bett an einen Spanier ab, der 43 km gegangen war und gerade noch den allerletzten Platz auf dem Boden bekommen konnte. Drei französische Brüder kochen miteinander und laden einen allein pilgernden Kanadier zum Essen ein. Ein 74-jähriger französischer Pilger, der vor vier Monaten seine Frau verloren hat, erzählt mir bei einem Glas Wein, wie er von dem Weg jeden Tag neu beschenkt wird."
Für Pilger, die das erlebt haben, erhalten die Begegnungen zwischen Nationalitäten, Generationen und Gesinnungen oft einen unschätzbaren Wert. Er kann Antrieb sein, sich immer wieder auf das Abenteuer "Pilgerweg" einzulassen.
An dem bisher Ausgeführten wird deutlich, dass die Motivationen unmerklich einem Prozess unterliegen und nicht als statisch beschrieben werden können. Wer aus sportlichen Gründen oder aus Kulturinteresse aufgebrochen ist, kann seelisch verändert wieder kommen und zu seiner anfänglichen Motivation keinen konkreten Bezug mehr haben.
Bemerkenswerterweise hat die Schweizer Studie bei allen Befragungen festgestellt, dass im Verlauf des Weges eine stärkere Gewichtung des Religiösen stattfindet. (Vgl. "Das Pilgern neu entdecken", 2000,S.13)
Barbara Haab baut auf ihren Befunden die These auf, dass es sich um eine Art Initiationsweg handelt, der eine innere Transformation der Pilger bewirken kann. Die Verwandlung hat dabei ihren Ort in zeitlicher und räumlicher Erstreckung und nicht im Ziel.

Situation
Wenn im Mittelalter der Zusammenschluss zu Weggemeinschaften aus Gründen der Sicherheit, Versorgung und des rituellen Vollzugs selbstverständlich war, so hat sich die Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela heute stark individualisiert. Sie zeichnet sich durch eine lose Struktur aus, in der jeder Pilger selbst regulieren kann, mit wie vielen Menschen er sich zusammentut oder gerade nicht.
Seit einiger Zeit sind wieder mehr Gruppen zu verzeichnen, die entweder kirchlich oder von Jakobusbruderschaften organisiert sind. Santiago wird jedoch in dieser Hinsicht nie zu einem zweiten Lourdes fungieren, welches hauptsächlich durch Pilgerprozessionen begangen wird.
Das Alleingehen wird von der einheimischen Bevölkerung zumeist noch mit unverständigem Lächeln bedacht. Das mag zum einen an der spanischen Kommunikationsfreudigkeit liegen, zum anderen noch mitgetragene Grundhaltung des einstigen Pilgerverständnisses sein.
Ich persönlich habe den Weg von Leon nach Santiago einmal allein und ein zweites Mal mit einer Gruppe von sieben jungen Menschen zurückgelegt. Jede der Reisen hatte ihre intensiven Erfahrungswerte, die unterschiedlich gelagert waren. Während ich beim Alleingehen alle Sensoren auf meine Umwelt ausgerichtet hatte, war in der Gruppe meine Konzentration gebunden an die BegleiterInnen. Tiefere Selbsterfahrungen sind im Alleingehen eher gewährleistet, doch im selben Maße potenzieren sich auch die Schwäche- und Krisenmomente. "Diejenigen, die allein sind, erleben sicher sehr viel extremere Höhe- und Tiefpunkte ... ich weiß nicht, ob ich es allein geschafft hätte. Es scheint mir, dass der Willen, den es braucht, um allein zu gehen, etwa zehnmal größer sein muss ... in der Gruppe zieht man sich gegenseitig." (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.125)
Die Situation der heutigen Pilgerreise ist maßgeblich beeinflusst durch Tourismus und Zivilisation. Beides kann zu einer massiven Anfechtung werden, sowohl allein, als auch in der Gruppe. Es lässt den Weg nach Santiago umstritten werden. Am 23. Oktober 1987 wurde der Jakobusweg durch den Europarat zur Ersten Europäischen Kulturstraße ernannt. In der Deklaration von Santiago ist die Revitalisierung des Weges durch Forschung, Markierung, Restaurierung, Kulturförderung und internationalen Austausch beschlossen worden. Von Spaniens Politik ist dies vor allem als Aufruf zur Tourismusförderung verstanden und umgesetzt worden. Die Beschilderungen entlang der Verkehrsstraßen (!) richten sich weniger an die Fußpilger, welche gangbare Variantenwege nutzen. Es wurden damit Autopilger befördert, für die man verstärkt wirbt, da sie mehr Geld einbringen. Mittlerweile finden sich in jeder Frauenzeitschrift bunt bebilderte Berichte mit solchem oder ähnlichen Wortlaut: "Eher eine Kurz-Version für Einsteiger: Jakobusweg zum Kennen lernen, Komfort inklusive. Besonders schöne Strecken wandern wir, dazwischen bringt der Bus die Gruppe zu den Sehenswürdigkeiten." ("Frau im Leben", 10, 2001, S.30) Diese Form von "Highlight-Hooping" kollidiert natürlich mit den ursprünglichen Gedanken des Pilgerns. In Herbergen kommt es zu Konflikten, der motorisierte Verkehr entlang der Strecke nimmt zu, von den Einheimischen werden Pilger vermehrt als Geldquelle betrachtet. Der Weg als solcher verliert durch seine knallharte Vermarktung an eigentlichem Gehalt.
Dies ist der Hauptgrund dafür, dass sich immer mehr "echte" Pilger zurückziehen oder Routen nutzen, die weniger bekannt und ausgestattet sind (z.B. den portugiesischen Weg oder den Küstenweg).
Im Zusammenhang mit den negativen Entwicklungen wären noch die Schaffung von Betonrastplätzen und staatlichen Herbergen, in denen Bezugsperson und Ansprechpartner fehlen zu nennen. Des weiteren ist ein Esoterikboom zu verzeichnen. Im Zuge dessen wird nach einem "System" des Weges gesucht, welches ihn zu einer Abfolge von Energiepunkten werden lässt.
Nicht zuletzt sei das persönliche Prestigedenken vieler Pilger erwähnt, das sich in der Jagd nach der Pilgerurkunde (Compostela) ausdrückt und selbst hier Leistungsdenken produziert. In der Zusammenschau ergibt sich eine Minderung der Pilgerideale, wie Demut, Bescheidenheit, Hingabe und Leidensbereitschaft.
Man kann sie dann retten, wenn sie in die Erlebnisrealität integriert werden. Als "moderne Initiationsprüfung" wären die Negativentwicklungen für den Pilger handhabbar, denn sie erfordern ein starkes Akzeptanzvermögen. Es bedeutet für den Pilger einen innerer Kampf gegen das Verurteilen der Touristen auf dem Weg: "Das ist so `ne Sache. Wie weit kann ich jetzt über andere urteilen ... letztendlich ist es ja die Sache von jedem einzelnen, was jetzt mit ihm passiert, und ob er selber sich als Pilger sieht." (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.159) Es bedeutet weiterhin das geduldige Erdulden von tosendem Verkehr beim Gehen am Straßenrand: "Stundenlang ertrage ich mit Fassung meine Bestimmung, ein Verkehrshindernis zu sein." (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.160)
Und es bedeutet auch, die Zivilisation mit all ihrem städtischen Lärm und Beton, mit Industrie und Müll als diese zu erkennen: "Ich spüre, wie ich in all der rasenden Hässlichkeit aggressiv, wie ich innerlich selbst asphalthart und zementgrau werde." (Haab zit.n.Unbek., 1998, S.159)
Dieser Erkenntnis geht oft eine Empathie mit der geschundenen Natur einher, die zu liebevoller Verbundenheit wachsen kann und in deren Folge ehrliche ökologische Aktivität möglich wird. Trotz erwähnter Krisenfaktoren bewahrt sich der Weg nach Santiago auch heute seine Wirkungskraft. In Kirchen und in der wechselvollen Landschaft liegt noch immer die Aufforderung zu innerer Öffnung und Wandlung. Vielleicht ist es auch der Strom der Pilger, der seit Jahrhunderten nicht abbricht und der zurückwirkt. Ein pilgernder Mönch sagte mir: "Solche alten Wege kann man nicht tot zementieren."

Zusammenfassung
Die geschichtliche Kette der Pilger, die sich seit Jahrhunderten ununterbrochen fortführt, weist hin auf eine alte Tradition, die seit dem frühen Mittelalter auf dem Weg nach Santiago de Compostela praktiziert wird. Sie ist aufgenommen und belebt worden von den Menschen jeder Zeit. Im Sinne der fortwährenden Lebendigkeit hat sie sich ein ums andere Mal erneuert. "Neu" bedeutet in dem Zusammenhang nicht das "Noch-nie-Dagewesene", sondern das "Wieder-mit-Leben-Durchströmte".
Deshalb ist das heutige Pilgern an die Historie gebunden und lässt sich nicht von ihr abspalten. Die Pilgerfahrt der Gegenwart zeichnet sich aus in der suchenden Grundhaltung, der Wegorientierung und der individuellen Gestaltung der Reise.

 

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